Stoltefamilie/Familie von Werder

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Das Leben des Wilhelm Hans Klaus von Werder mit seiner Ehefrau  Ida Eugenie Karla Ida Ilse von Diringshofen.

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Der letzte Wohnort war Gürzenich bei Düren

Aus der Werder´schen Familienchronik

Gen.21.4h Oskar Heinz Hans-Henning Stolte

Werder (Wilhelm Hans Klaus v. Werder)

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Hans (XLIII.) Wilhelm Klaus, geboren zu Sagisdorf den 30. August 1892, wurde im elterlichen Hause erzogen, besuchte das Stadtgymnasium in Halle (Saale) sowie das Friedrichskollegium zu Königsberg (Preußen) und kam 1905 zur besseren Förderung seiner wissenschaftlichen Kenntnisse in das Alimnat der Klosterschule in Roßleben. Nachdem er zu Berlin-Lichterfelde in der Pension des Professors Hassenkamp unter Zuhilfenahme von Lehrern der Hauptkadettenanstalt für die Fähnrichsprüfung vorbereitet worden war und diese bestanden hatte, trat er am 22. März 1911 als Fahnenjunker beim 1. Garde-Regiment zu Fuß in Potsdam ein, in dessen Reihen sein Oheim Gebhard (II.) im Deutsch-Französischen Kriege im Jahre 1871 das Leben gelassen hatte. Nach erfolgreichem Besuche der Kriegsschule zu Hannover erfolgte unter dem 18. August 1912 seine Beförderung zum Leutnant.Die unvergleichlich schönen ersten Leutnantsjahre wurden 1914 durch den Weltkrieg jäh unterbrochen.

Seine abwechslungsreiche und ehrenvolle Feldzugstätigkeit war in Stichworten folgende: Mit dem 1. Garde-Regiment zu Fuß als Zugführer ins Feld: Offensive im Westen (Schlacht bei Namur, Gefecht bei Monceau), 24. August 1914 zum Adjudanten des 1. Bataillons ernannt: Schlacht bei St. Quentin, 7. September in der Schlacht am Petit Morin durch Granatsplitter am Oberschenkel leicht verwundet, aber bei der Truppe verblieben, Kämpfe bei Reims, Schlacht bei Arras, Stellungskäpfe im Artois, Schlachten und Stellungskämpfe in der Champagne (Perthes, Le Mesnil), Schlacht bei Gollice/Tarnow, Kampf um Jaroslau, Übergang über den San, Kämpfe bei Radymno und am San, Käpfe am Brückenkopf von Jaroslau, Durchbruchsschlacht von Lubaczow, Schlacht bei Lemberg, Verfolgungskämpfe an der galizisch-polnischen Grenze bis zum Bug, 9. August 1915 zum Führer der 3. Kompanie ernannt: Verfolgungskämpfe zwischen Bug und Jasiolda, Herbstschlacht bei La Bassée und Arras (Givenchn).

Bei Gibenchn, am 28. September 1915, wurde Hans (XLIII.) Klausens Kompanie nach Eroberung eines feindlichen Grabenstücks durch Zurückfluten der Nachbartruppen vollkommen abgeschnitten und blieb 48 Stunden lang in dem genommenen Graben von den Franzosen umzingelt, bis höherer Befehl das Zurückgehen der Kompanie anordnete. In nachstehendem Korpstagesbefehle vom 11. Oktober 1915 wurde sein tapferes Ausharren lobend hervorgehoben:


"Ich spreche der 2. und 3. Kompanie des 1. Garde-Regiments zu Fuß und ihrem Führer, Leutnant von Werder, meine wärmste Anerkennung aus für ihr hervorragendes Verhalten in den ersten hiesigen Kampftagen. Es ist der Kompanie unter ihrem tüchtigen Führer nicht nur gelungen, dem Gegner Grabenstücke zu entreißen und dabei 8 Offiziere und 200 Mann gefangen zu nehmen, sondern das gewonnene Gelände alleine unter den schwierigsten Umständen über 48 Stunden zu verteidigen und so lange auszuharren, bis die Truppe durch Befehl zurückgezogen wurde.

Freiherr von Plettenberg."

Damit schließen die Aufzeichnungen Hans (XLIIIU.) Klausens aus den Aufruhrtagen. Am 8. Dezember 1918 wurde er von der Stellung als Persönlicher Adjudant des Prinzen Eitel-Friedrich enthoben und in das 1. Garde-Regiment zu Fuß zurückversetzt. Folgende Auszeichnungen sind ihm verliehen worden: Eisernes Kreuz 2. Klasse (17. September 1914), Eisernes Kreuz 1. Klasse (23. März1915), Ritterkreuz des Hohenzollerschen Hausordens mit Schwertern für Elérn (15. Oktober 1916), Verwundetenabzeichen (schwarz), Fürstlich Hohenzollernsches Ehrenkreuz 3. Klasse mit Schwertern, Österreichisches Militär-Verdienstkreuz 3. Klasse mit Kriegsdekoration, Oldenburgisches Friedrich-August-Kreuz 1. und 2. Klasse. Nach dem Kriege führte Hans (XLIII.) Klaus 4 Wochen eine Kompanie des zurückgekehrten 1. Garde-Regiments. Kurz vor dem Sturm auf das Gebäude der sozialistischen Zeitung "Der Vorwärts" in Berlin, das von Potsdamer Garden aus der Hand der Spartakusgruppe den Mehrheitssozialisten zurückerobert wurden, erbat er seine Entlassung, nachdem er mit dem Obmann des Soldatenrates des Regiments aneinander geraten war. Unter dem 18. Juli 1919 wurde ihm der Abschied mit Pension und die Erlaubnis zum Tragen der Uniform seines Regiments bewilligt.

Was nun tun, war für Hans (XLIII.) Klaus leicht zu beantworten. Nicht nur die Erbschaft von Sagisdorf, sondern auch noch eine andere, wesentlich wertvollere, stand ihm in sicherer Aussicht. Wilhelm von Rauchhaupt auf Storckwitz und Queis, der Bruder der Großmutter Hans (XLIII.) Klausens, Klara von Rauchhaupt aus dem Hause Queis, hatte im Jahre 1893 diese beiden Güter in ein Fideikommiß umgewandelt und bestimmt, dass beim Aussterben seiner eigenen Nachkommen die seiner Lieblingsschwester Klara Fideikommiß Erben sein sollten. Dieser Fall trat ein; denn die Kinder Wilhelms von Rauchhaupt aus der ersten Ehe verschieden ohne Nachkommen. Der aus der zweiten Verbindung stammende Sohn, Hans von Rauchhaupt, fiel 1915 im Weltkriege ebenfalls kinderlos. Nachzuholen ist, dass Hans (XLIII.) Klaus bereits während des Feldzugs in den Ehestand getreten war. Er hatte sich den 4. Oktober 1917 in Nedlitz bei Potsdamm mit der am 17. November 1895 zu Rendsburg geborenen Ida Eugenie Karla Ilse von Diringshofen, einer Tochter des Generalleutnants a.D. Max Alexander Ludwig Paul von Diringshofen und dessen ersten Gattin Margarete de Haen — Schwester seines Freundes und Regimentskameraden, des am 16. September 1914 im Fort Brimont bei Reims gefallenden Leutnants Siegfried von Diringshofen — , die er schon seit seinen ersten Leutnantsjahren glühend verehrte, verheiratet.

Verheiratet am 4.10.1917 in Nedlitz bei Potsdam

Wilhelm Hans Klaus von Werder


* 30.8.1892 auf Rittergut Sagisdorf

 + 9.7.1972 in Gürzenich / Düren

Major der Wehrmacht und Herr auf den Gütern Sagisdorf, Storckwitz und Queis

Ida Eugenie Karla Ida Ilse von Diringshofen

*17.11.1895 in Rendsburg

+ 25.10.1976 in Gürzenich / Düren

1945 Standorte der 3 Familiengüter bei Halle/Saale von Hans Klaus von Werder

Sagisdorf/Reideburg       

Storckwitz    

Queis      

Der Regimentsführer, Oberstleutnant von Bismarck, dankte Hans (XLIII.) Klaus im Namen des Regiments mit den Worten: "Das Regiment wird Ihnen das nicht vergessen."

Die Verluste der Kompanie betrugen 120 Unteroffiziere und Mannschaften.
Fortsetzung der Kampfhandlungen: Stellungskämpfe bei Roye/Noyon, Schlacht an der Somme, 26. August 1916 an der Somme bei Elérn durch Maschinengewehrschuß eines Infanteriefliegers am Kopfe schwer verwundet und in die Heimat (der durchschossene Stahlhelm wird als Heiligtum in Sagisdorf aufbewahrt). In der Regimentsgeschichte des 1. Garde-Regiments zu Fuß steht über den Einsatz bei Elérn unter anderem folgendes: "Nur ein Gedanke hatte jeden beseelt, ob Offizier, ob Korporal. ob Grenandier: Die Stellung halten um jeden Preis! Auch dafür überliefert uns Leutnant von Selchow ein Zeugnis: Leutnant von Werder kam schwer verwundet am Kopfe an mir vorbei. Er war wohl infolge seiner enormen Kopfwunde nicht voll bei Sinnen. Aber immer und immer wiederholte er mir das eine: Selchow, Abschnitt halten. Meine brave Kompanie total zerschlagen. Abschnitt halten, Franzosen rauswerfen."

Der bekannte Finnlandbefreier, General Rüdiger Graf von der Goltz ,erwähnte in seinem Buche: "Meine Sendung in Finnland und im Baltikum" die Tage des Einsatzes des 1. Garderegiments an der Somme am denkwürdigen Hohlwege Elérn, Maurepas mit nachstehenden Sätzen: "Eines Nachts wurde gemeldet, die 4./1. Garde-Regiments zu Fuß (Kompanieführer Leutnant von Selchow) habe rechts keinen Anschluß mehr, die 3. Kompanie (Kompanieführer Leutnant von Werder) müsse gewichen sein. Große Aufregung und Befehl, die Lücke zu schließen. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, die 3. Kompanie war tot oder verwundet, die wenigen Überlebenden hatten sich nach dem anderen Flügel zusammengeschlossen, als der tapfere Kompanieführer von Werder am Kopfe verwundet fortgeschleppt war."

Gesundheitlich einigermaßen wiederhergestellt, wurde Hans (XLIII.) Klaus am 1. November 1916 zur Infantrie-Stabswache des Großen Hauptquartiers in Pleß kommandiert. Aus jener Zeit schreibt er in seinen 3 starke Bände füllenden fesselnden Kriegserinnerungen:

"Heute (5. November) mittags meldete ich mich bei Seiner Majestät. Ich hatte die große Freude, anerkennende Worte aus dem Munde Seiner Majestät zu hören: ,Na, mein lieber Werder, Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht; es hat mich gefreut, das zu hören.' Mehr kann man aus dem Munde seines obersten Kriegsherren nicht verlangen; sie geben mir aufs Neue die Genugtuung, dem Namen keine Schande gemacht zu haben."

27.Dezember 1916 zur Dienstleistung beim Prinzen Eitel-Friedrich von Preußen, Königliche Hoheit, Kommandeur der 1. Garde-Infantrie-Division, kommandiert. 26. Januar 1917 zum Persönlichen Adjudanten dieses Prinzen ernannt. Nach der Abmeldung bei Seiner Majestät wurde Hans (XLIII.) Klaus zur Frühstückstafel gezogen und hatte die Ehre, neben dem Kaiser sitzen zu dürfen. Wie ernst er seine neue Dienststellung auffasste, lassen die oben erwähnten Kriegserinnerungen deutlich erkennen:

"Der Schwere meiner neuen Stellung war ich mir bewusst. Unabhängig wollte ich bleiben, kein Nachbeter oder Hofnarr werden. Der Prinz in seiner liebenswürdigen Art erleichterte mir das Einleben außerordentlich. Dass er mich bis zuletzt oft als Eigensinn und Dickkopf bezeichnete, ist meine höchste Genugtuung und zeigt am besten meinen Kampf."


Wie hoch er dabei den Prinzen verehrte, geht aus einer anderen Stelle der Kriegserinnerungen hervor.

"Ich stehe zu ihm in treuer Dankbarkeit und Anhänglichkeit. Sein heldenhaftes Verhalten in mancher Schlacht, seine Pflichttreue und nie versagende Sorge für die Mannschaften heben ihn hoch über viele andere, und die Verleumdungen, die über ihn ausgeschüttet sind, können nicht seine Fußspitzen erreichen."


Die Kriegstätigkeiten Hans (XLIII.) Klausens als Persönlicher Adjudant spielte sich natürlich nun nicht mehr in aller vorderster Linie, sondern beim Divisionsstab ab, wo es aber oft genug auch recht ungemütlich zuging. Zum unmittelbarsten Gefolge des Prinzen gehörend, ist diese Zeit für Hans (XLIII.) Klaus ganz besonders lehrreich und abwechslungsvoll gewesen, sowohl in militärischer als auch in politischer Beziehung: auch hat sie ihm Land und Leute in einem Umfang offenbart, wie es nur wenige Feldzugsteilnehmern vergönnt war. Die Hauptereignisse waren: Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne, Stellungskämpfe in den Argonnen, Abwehrschlacht und Stellungskämpfe bei Zloczow, Durchbruchsschlacht in Ostgalizien, Stellungskämpfe am Sereth (Tarnopol), Schlacht bei Riga, Stellungskämpfe nördlich der Düna, Stellungskämpfe bei Reims, während dieser Zeit (28. November 1917) zum Oberleutnant befördert, Große Schlacht in Frankreich (Durchbruchsschlacht bei St. Quentin/La Fére, Kämpfe beim Übergang über die Somme und den Eroizat-Kanal, Verfolgungskämpfe bis Montdidier/Noyon), Kämpfe an der Avre und bei Montdidier, Schlacht bei Soissons und Reims (Erstürmung der Höhen des Themin des Dames, Verfolgungskämpfe zwischen Dise und Aisne und über die Vesle bis zur Marne. Vom 18. Juni bis 6. Juli 1918 war Hans (XLIII.) Klaus unter Belassung in seiner Stellung als Persönlicher Adjudant des Prinzen Eitel-Friedrich während der Ruhe-, das heißt Ausbildungszeit, stellvertretender Regimentsadjudant des 1. Garde-Regiments zu Fuß. Dann wieder beim Prinzen Stellungskämpfe zwischen Aisne und Marne, Angriffsschlacht an der Marne und in der Champagne, Abwehrschlacht zwischen Marne und Vesle, Abwehrschlacht zwischen Dise und Aisne, Kämpfe vor der Siegfriedfront, Stellungskämpfe in den Argonnen, Abwehrschlacht in der Champagne und an der Maas, Kämpfe vor der Hunding- und Brunhildfront. Darauf an der Aisne und Aire, Schlacht bei Vouziers. Dann war die deutsche Widerstandskraft gebrochen. Eine Welt von Feinden an der Front und die Zermürbung durch die eigenen Volksgenossen im Rücken hatten sie zertrümmert.

Am 22. Oktober 1918 verließen Seine Königliche Hoheit der Prinz Eitel-Friedrich in Begleitung seines persöhnlichen Adjudanten mit Urlaub die Division und begaben sich nach Potsdam. In hohem Maße tragisch, ja erschütternd, ist es, was Hans (XLIII.) Klaus in seinen Kriegserinnerungen über die nun folgenden Tage des Staatsumsturzes vom Hofe Ihrer Majestät der schon damals schwer herzleidenden Kaiserin berichtet. Nachstehend sei darüber auszugsweise mitgeteilt:

8. November.

Um 11.15 nachts komme ich in meine Wohnung, wo mir gesagt wird, ich solle sofort zum Neuen Palais kommen, der Prinz und die Prinzessin seien schon da. Ich gehe hinaus und spreche um 1 Uhr den Prinzen an seinem Bett. Er sagt mir, er hätte telephonischen Auftrag von Seiner Majestät bekommen, den Befehl im Neuen Palais zu übernehmen und das Leben Ihrer Majestät zu sichern. Der Kaiser würde unter keinen Umständen abdanken; treue Truppen (2. Garde.Infantrie-Division, Jäger-Division und die Armee Mackensen) wären unterwegs.

Ich schlafe in den Kommuns 2


9. November

Um 10 Uhr gehe ich zum Prinzen und bespreche mit ihm die Lage. Er will den Befehl über die Wachkompanie und über die Stabswache dem Major übergeben, der nach seinen Angaben handeln soll. Dann schickt mich der Prinz zum Bahnhofe Wildpark, um dort Erkundigungen einzuziehen, ob die Strecke von Beelitz nach Wildpark zerstört ist. Anschließend fahre ich mit dem Auto  zur Kommandantur, um dort über eine Sperrung der Havelbrücken und eine Bereitstellung von Artellerie für das Neue Palais zu verhandeln.
In der Kommandantur begegnen meine Fragen einer merkwürdigen Aufnahme. Ich sehe, dass diese Behörde zu jedem Nachgeben bereit und gewillt ist, den voraussichtlich erscheinenden Soldatenrat anzuerkennen. Der Kommandant sagt mir dann noch: ,Sie werden wohl das alles dem Prinzen erzählen.' Als ich dies als wahrscheinlich bejahe, schlägt er vor, ich solle den Prinzen bitten, herzukommen, um sich über die Lage zu orientieren. Ich fahre hinaus und sage dem Prinzen meine Ansicht. Er verneint ein Hereinfahren und befiehlt, ich solle den Kommandanten herholen. Dieser hat dann dem Prinzen seine Ansicht dahin auseinandergesetzt, dass er sich dem Soldatenrat unter der Bedingung unterwerfen würde, dass das Leben Ihrer Majestät gesichert wäre.

10. November.

Der Prinz hat herübergeschickt, ich solle zu ihm kommen. Er bittet mich, zur Villa Ingenheim zu gehen und mich dort umzusehen. In der Villa ist alles in Ordnung. Um 12 Uhr wird der Schutz der Villa von einer Wache des Soldatenrats übernommen.
Im Neuen Palais ist innerhalb der Stabswache gestern ein Soldatenrat gegründet worden, der beschlossen hat, bis heute Mittag den Schutz des Neuen Palais zu übernehmen. Die Leute erklärten aber auch sofort, auf Eindringlinge nicht mehr schießen zu wollen. Am Abend verließen sogar Innenposten ihre Plätze. Im Übrigen hielt der Potsdamer Soldatenrat entgegen dem Berliner auf strengste Ordnung.

Abends gibt der Prinz mir den Befehl, morgen nach Berlin zum Kriegsminister Scheüch zu fahren, um über einige Fragen Rücksprache zu nehmen.

Als die Kaiserin mich heute in Zivil sah, sagte sie: ,Nun, wie traurig in Zivil.' Ich entgegnete, es sei besser, man ziehe Zivil freiwillig an, als wenn man die Uniform zwangsweise ablegen müsse. Da sagte sie: ,Ja, das habe ich Fritz auch schon gesagt.' Die Prinzen tragen seit heute morgen Hofjagduniform.

11. November.

Um 9 Uhr fahre ich vom Bahnhofe Wildpark nach Berlin. Das Straßenbild ist regelmäßig. Auf dem Palasthotel weht die rote Fahne. Ich gehe zum Kriegsminesterium und finde dort nach langen Suchen einen Kanzleidiener. der mich beim Adjudanten von Ezzelenz Scheüch anmeldet. Nach kurzem Warten werde ich zum Kriegsminister hineingelassen. Scheüch kenne ich von den Argonnen her, wo er neben uns die 33. Division führte. Er ist in Zivil, sieht bleich und abgemagert aus. Ich bitte ihn im Auftrage des Prinzen um Aufklärung der Lage. Er setzt mir den Kampf zwischen der Regierung und der Spartakusgruppe auseinander. Er erblickt in der Einigung der Sozialdemokraten mit den Unabhängigen eine Festigung der Lage. Ebert und Güdekum haben es als Anstandspflicht erklärt, das Neue Palais und das Leben Ihrer Majestät zu schützen. Der Abgeordnete Molkenbur wird für kurze Zeit vorgelassen. Mit ihm bespricht Scheüch den Schutz des Neuen Palais. Molkenbur will versuchen, in der Sitzung des Großen Berliner Soldatenrats, die um 12 Uhr im Reichstage stattfindet, die Sache zu besprechen.
Die Soldaten sind zum großen Teile regierungstreu, das heißt für Ebert, Gündekum. Einige, unter der Führung von Beerfelde, des früheren Adjudanten der 1. Garde-Infantrie-Division, der seit Jahren in Schutzhaft saß, gehören der Spartakustruppe an und versuchen, alles in ein Chaos zu verwandeln. Scheüch sagt mir, daß er dem Kronprinzen raten will, ins Ausland zu gehen. Hindenburg führt unter Weisung des Kriegsministers die Geschäfte des Oberbefehlshabers weiter. An der Front werden Soldatenräte gebildet. Scheüch glaubt, dass wenn sich die Regierung hält, die Demobilmachung in einigermaßen geregelten Bahnen sich vollziehen kann. Bekommt die Spartakusgruppe die Oberhand, so ist ein vollkommenes Chaos nicht mehr zu verhindern. Ein geplanter Putsch dieser Richtung ist heute Nacht unterblieben. Scheüch hält es für seine Pflicht, so lange im Amte zu bleiben, bis die Einleitung der Demobilmachung in geregelte Bahnen erfolgt ist. Dann nimmt er seinen Abschied. Alle Offiziere des Kriegsminesteriums arbeiten in Zivil. Um 11.15 fahre ich zum Neuen Palais zurück. Nachdem ich zuerst dem Prinzen Vortrag gehalten habe, werde ich zur Kaiserin hereingerufen, um Bericht zu erstatten. Der oldenburgische Gesandte, Ezzellenz von Eucken, ist auch anwesend. Er rät, dass die königliche Familie möglichst bald das Land verlässt. Während wir verhandeln, telephoniert der Erbprinz aus Oldenburg, dass der Großherzog und er verzichtet hätten. Ich werde beauftragt, zu Scheüch zu fahren, um die Bitte zu übermitteln, dass alles in die Wege geleitet wird, um die gesamte königliche Familie nach Arnheim zu transportieren.
Morgen will ich mit dem Kabinettsrat der Kaiserin von Spitzemberg zusammen nach Berlin fahren, um das Weitere für die Abfahrt zu regeln. Gottlob übernimmt nun Spitzemberg auch etwas von der ganzen Sache.

Über die Abdankung erfahre ich noch, dass der Kaiser gewillt war, mit den Truppen in Spa den Vormarsch Richtung Heimat anzutreten. Als aber der Putsch geglückt war und die Soldatenräte von Köln und Aachen zum Großen Hauptquartier unterwegs waren, hat Hindenburg dem Kaiser geraten nach Holland zu gehen. Das Wolffsche Telegraphen-Büro ist in der Hand der Spartakusgruppe. Es setzt natürlich die wahnsinnigsten Nachrichten in die Zeitungen. Die Straßenverkäufer in Berlin nutzen die Stimmung aus. Man könnte heulen vor Wut, wenn im scheußlichen Berliner Dialekt einem entgegen gerufen wird: ,Der Kaiser interniert! Hindenburg auf der Flucht! Auch der Kronprinz von Bayern geflüchtet! Große Verbrüderung mit den Franzosen, Engländern und deutschen Truppen an der Front!'


12. November.

Ich fahre um 9 Uhr nach Berlin, um von Scheüch noch einige Sachen zu erfragen, wie zum Beispiel. Fahneneid, Militärische Stellung des Prinzen.

Die Regelung der Abfahrt Ihrer Majestät (die Prinzen wollten nun doch in Potsdam bleiben) hat ganz Kabinettsrat von Spitzemberg übernommen. Die Abfahrt ist wieder fraglich geworden, da die Zustände in Holland nicht einwandfrei sind.
Um 5 Uhr fahre ich zum Neuen Palais und sitze eine Stunde mit dem Prinzen und der Prinzessin plaudernd zusammen. Da der Kaiser nicht förmlich abgedankt hat, hofft der Prinz immer noch, das Haus Hohenzollern käme noch mal zur Regierung. Trugschluß! Wenn auch überall die jetzigen Zustände bei arm und reich verhasst sind, dazu kommt es nicht mehr. Um 1/2 8 Uhr werde ich entlassen und wohne fortab auch wieder nachts zu Hause."

Als angehender Großgrundbesitzer widmete er sich natürlich der Landwirtschaft, studierte drei Semester auf der Universität Halle, hörte dort nicht nur rein fachwissenschaftlich, sondern auch volkswirtschaftliche sowie juristische Vorlesungen und war dann 2 1/2 Jahre praktisch beim Rittergutsbesitzer Georg von Zimmermann auf Neukirchen (Kr. Merseburg) tätig. Schon 1919 hatte er mit den Seinigen den Wohnsitz von Potsdam nach Halle verlegt. Hier blieb die Ehefrau mit den inzwischen geborenen zwei Söhnen auch während der praktischen Tätigkeit ihres Gatten wohnen. Im Jahre 1923 siedelte die ganze Familie nach Sagisdorf über. Durch Änderung der dortigen Pachtverträge verstand es Hans (XLIII.) Klaus, die Einnahmen aus dem verpachteten Gelände dem sinkenden Geldwert anzupassen und dadurch dieses alte Familiegut sich und seinen Nachkommen zu erhalten. Dann kündigte er nach und nach den bäuerlichen Pächtern und entwickelte bis 1940 aus den vorhandenen Obstplantagen von 2 Morgen einen mustergültigen Gemüseanbaubetrieb von 265 Morgen, verbunden mit Warm- und Kalthäusern für dessen Erträgnisse er in den benachbarten Großstädten Halle und Leipzig guten Absatz fand.

Schwere Sorgen bereitete ihm die in Aussicht stehende Fideikommißerbschaft. Die derzeitige Besitzerin, die verwitwete Frau Elisabeth von Rauchhaupt, geborene Freiin von Obernitz, eine im Ende der siebziger Jahre stehende alte Dame, war den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen der damaligen Zeit nicht gewachsen. Sein Vorschlag, ihm Storckwitz zu verpachten, schlug fehl. Queis war verpachtet, aber der Pächter zahlte wenig und bewirtschaftete das Gut schlecht. Nur mit Mühe gelang es Hans (XLIII.) Klaus, die von der Tante Elisabeth zu äußerst ungünstigsten Bedingungen getätigten Verkäufe von Kohlenvorkommen unter beiden Gütern zu verhindern und durch bessere Verträge zu ersetzen. Andere Schwierigkeiten kamen hinzu. Die vom Vater seiner verstorbenen Schwiegermutter, Eugen de Haën, im Jahre 1861 gegründete große chemische Fabrik in Seelze bei Hannover musste 1921 wegen ungünstiger Verhältnisse in eine Aktiengesellschaft de Haën.

Seinen Wohnsitz in dem Queis benachbarten Sagisdorf behaltend, dessen Herrenhaus er 1934 durch Aufstockung der von seinem Großvater Bruno angebauten beiden Flügel vergrößern und verschönern ließ, widmete sich Hans (XLIII.) Klaus nunmehr mit der ihm eigenen Tatkraft der Bewirtschaftung des großen Besitzes. Er hat es verstanden, diesen mit Umsicht, Fleiß und Sparsamkeit durch die ungünstige Wirtschaftszeit erfolgreich hindurch zu steuern. Storckwitz und Sagisdorf (Letzteres jetzt Erbhof) blieben in eigener Verwaltung. während Queis 1930 für 18 Jahre einen zuverlässigen Pächter erhielt. Seine Gattin steht ihm als landwirtschaftliche Hausfrau und feste Stütze treu zur Seite. Er selbst schreibt in seinen Lebenserinnerungen in dieser Beziehung: "Nach der Pachtübernahme von Queis war die Parole für mich, heraus aus dem Alltag. Im Auto fort, alleine mit meiner tapferen, lieben Frau, die wusste, was ich ausgestanden hatte. Wusste es auch, wenn wir manchmal schwiegen, aber im Schweigen einig waren. Sie war in den Sorgen der Politik mein bester Kamerad, sie war es auch im wirtschaftlichen Leben. In den Jahreswenden, wenn ich meine Erinnerungen abschloss, konnte ich ihr oft danken für ihren vollen Einsatz als Mutter und Frau. Manche wirtschaftliche Verbesserung in Sagisdorf und somit die Fortentwicklung dieses Gutes verdanke ich ihren selbstlosen Zustimmungen, Geldausschüttungen aus ihrem mütterlichen Erbe in den Betrieb stecken zu können. Aus einem mit materiellem Glück überaus gesegneten Elternhause mit vorbildlichem Familienleben in Liebe und Geborgenheit stammend, riss sie der Krieg mit 19 Jahren in den unerbitterlichen Ernst des Lebens. Im April 1915 starb ihre Mutter, nie erholt von der Erschütterung des Heldentodes ihres Ältesten im September 1914. Aus freiwilliger Krankenpflege in Hermannswerder zu Potsdamm entlassen, stand sie nun mit 19 Jahren dem großen Haushalt in Nedlitz und den drei Geschwistern im Alter von 15, 10 und 5 Jahren als Mutter vor, während der Vater als Brigade- und Divisionsführer im Felde war. Dem Glück, selbst vier Kinder ihr eigen nennen zu können, dankt sie in einer Betreuung und Pflege ihrer Lieblinge mit unnachahmlicher Pflichttreue und psychologischer Einfühlung."    

Hans (XLIII.) Klaus ist Mitglied des Kreisausschusses und hat auch noch manche andere Pflicht- und Ehrenämter inne. Ein in der Nacht vom 31. August zum 1. September 1930 in Queis ausgebrochener Brand, der die dortigen beiden großen Scheunen mit voller Ernte restlos vernichtete, vermochte die günstige wirtschaftliche Entwicklung nur vorübergehend zu stören.

Die Beauftragung Adolf Hitlers mit der Bildung der ReichsreDgierung im Jahre 1933 erlebte Hans (XLIII.) Klaus in Sagisdorf als politischer Beobachter. Es erfolgte eine Berufung in neu geschaffene Ehrenämter nach der anderen, die im Jahre 1934 mit der Ernennung zum Landeshauptabteilungsleiter III der Landesbauernschaft Sachsen-Anhalt ihren Höhepunkt erreichten. Mit letzterer Stellung war die Aufnahme in den Landesbauernrat Sachsen-Anhalt verbunden. Über dieses verantwortungsvolle und arbeitsreiche Amt berichtet er in seinen Lebenserinnerungen:

"Meine Tätigkeit als Hauptabteilungsleiter nahm meine Kraft und Zeit stark in Anspruch. Viele Kämpfe mussten ausgefochten werden, die die Neuregelung aller Marktverhältnisse und des gesamten Genossenschaftswesens mit sich brachten. Es war klar, dass meine Privatbetriebe von mir nicht mehr in dem Maße betreut werden konnten, wie es für mich notwendig schien. Sollte ich aber nun, nachdem die Stellung mir anvertraut war, schwach werden? Ich habe oft Gewissensbisse gehabt, oft schien es mir unverantwortlich meiner Familie gegenüber und dem Besitze, mich so restlos für die Sache zu opfern. Zunächst wollte und musste ich aber durchhalten. Ich war ebenso entschlossen, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn es an den Bestand der Besitzungen gehen sollte."

Als die Folgen der Missernte des Jahres 1934 und die Flüssigmachung der Erbschaftssteuer für Storkwitz und Queis seine ganze Kraft erfordeten, die durch die Mitgliedschaft oder den Vorsitz im Aufsichtsrate von 22 Zentralinstituten, Banken und Wirtschaftgruppen über menschliches Vermögen in Anspruch genommen war, fährt er in seinen Lebenserinnerungen fort:

"Keiner wird bezweifeln, dass hier des Guten zuviel war und mein Privatleben unter der Bürde solcher Ämter zerstört werden musste. Es galt nunmehr die Konzentration auf die Betriebe. Der Boden rief mich, die Bodentreue fordete ihr Recht. Wie oft hatte ich an der einen Hand der vielen Vorbilder anderer Familien, besonders aber der eigenen, die Gefahr gesehen, bodenuntreu zu werden aus Gründen selbstloser Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft."


Auf seinen Wunsch wurde Hans (XLIII.) Klaus daher durch Schreiben vom 2. Juli 1935 vom Reichsbauernführer mit warmen Dankesworten für die bisher geleistete Arbeit von seinem Amt entbunden. Im Hinblick auf seine großen Verdienste ist er bei der Neubesetzung des Landesbauernrates Sachsen-Anhalt im Juli 1936, ohne Amtsträger zu sein, erneut in den Landesbauernrat berufen worden.

Hier sollen noch einige seiner äußerst beherzigenswerten Ausführungen zur Bodentreue des Adels wiedergegeben werden: "Die Lockungen, im Staatsdienst als Offizier oder Beamter eine viel angesehendere und abwechslungsreichere Stellung zu haben wie auf dem Lande, taten das ihre hinzu, um bodenuntreu zu werden. Auch die Heiraten der Werdersöhne haben nicht sehr zur Erhaltung oder Vermehrung des Besitzes beigetragen. Unsere Vorfahren scheinen in den letzten Generationen der jerichowschen Grundherrlichkeit nicht mehr den robusten Sinn des Pflügers und Landmanns gehabt zu haben. Sie waren vielmehr in erster Linie Staatsdiener geworden und beschäftigten sich nur nebenher mit der Landwirtschaft, mit dem Ergebnis, dass sie den zu Beginn des vorigen Jahrhunderts herrschenden schwierigen landwirtschaftlichen Verhältnissen nicht mehr gewachsen waren und den Besitz aufgeben mussten. Ähnlich lagen die Verhältnisse in meiner engeren Familie auch in späterer Zeit. Die Ansätze meines Urgroßvaters (Timon (Timon Moritz Ludwig III.) Sagisdorf selbst zu bewirtschaften, blieben bald stecken. Mein Großvater (Bruno Rudolf) hat schon kaum noch den Sinn für die Bewirtschaftung seiner Scholle gehabt und mein Vater (Nikolaus) erst recht nicht. Sie waren in erster Linie Offiziere und Beamte im besten Sinne des Wortes. Wenn die Verhältnisse nicht durch den verlorenen Weltkrieg eine völlige Änderung bekommen hätten, bin ich überzeugt, dass auch Sagisdorf, der damalige letzte Besitz der Werder, einem Siedlungsunternehmen oder der Großindustrie von Halle zum Opfer gefallen wäre.

  

Durch diese Erkenntnis aus der Familiengeschichte habe ich versucht, mir selbst und meinen Kindern wieder Bodentreue einzuimpfen. Ich selbst hätte, und die Lockungen waren sehr groß, im Dritten Reiche Stellungen haben können, die mein Leben äußerlich sehr viel angenehmer gestaltet hätten. Das wäre aber auf Kosten der Betriebe gegangen, also wiederum der Anfang von Bodenflucht gewesen. Ich habe diesen Lockungen widerstanden und glaube, das wird in meinem ganzen Leben mein größtes Verdienst gewesen sein. Ich habe auch meinen Söhnen, die wie jeder Junge, immer wieder mit Offizierslaufbahn, äußerer gesellschaftlicher Stellung und glitzernden Litzen verrückt gemacht werden, fast täglich klar gemacht, wohin sie gehören, nämlich aufs Land, und oft habe ich ihnen wörtlich gesagt, sie sollen nicht fliegen lernen, sondern pflügen. Solange ich kann, werde ich darüber wachen, dass dies bei meinen Jungen der Fall sein wird, und erst ihre zweiten und dritten Söhne dürfen wieder dem Staate zum Dienen geopfert werden. Ich bin in dieser Beziehung unerbitterlich und kann mich nicht an den Lockungen erfreuen, die oft aus missverstandener Staatstreue wieder an den Landadel herangetragen werden. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Adel dem Staate seine wirtschaftliche Stellung zum Opfer gebracht und ist tatsächlich zum proletarischen Adel geworden, um diesen Ausdruck eines vergangenen Zeitalters noch einmal zu gebrauchen. Es gibt Geschlechter, die bodentreuer, also wohl härter, unempfindlicher, im guten Sinne selbstsüchtiger und vielleicht auch weniger ehrgeizig gewesen sind als das unsrige.

Der eichene Torbalken meines Stallneubaus in Sagisdorf trägt mit unserem schönen Wappen geziert den Spruch:

"Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, Erwirbes, um es zu besitzen!"
Möge es von meinen Nachkommen stets beherzigt werden.

Vier Kinder sind aus der so glücklichen Verbindung Hans (XLIII.) Klausens mit Ilse von Dieringshofen hervorgegangen, die sämtlich im elterlichen Hause aufwuchsen und von dort aus die Schule in Halle besuchten, drei Söhne:


Klaus (IX.) Friedrich Max Heinz,

Hans (L.) Christoph,

Dietrich (III.) Semper talis,

und eine Tochter

Gisela Annagrete.

Letztere, das Nesthäkchen, kam den 20. Oktober 1926 zur Welt..


Klaus (IX.) Friedrich Max Heinz wurde am 11. August 1918 zu Potsdam geboren und bestand im Frühjahr 1937 die Reifeprüfung für die Universität. Anschließend leistete er Arbeits- und im Anschluss daran, seine militärische Dienstzeit ab, letztere bei der Panzerabwehr-Abteilung Nr. 37 in Eisenach, woselbst den 1. November 1938 die Ernennung zum Gefreiten, am 1. Juni 1939 die Beförderung zum Unteroffizier erfolgte. Nach seiner Entlassung vom Militär wird er praktisch und theoretisch Landwirtschaft erlernen, um später die Bewirtschaftung von Storckwitz zu übernehmen.











Hans (L.) Christoph erblickte den 22. Dezember 1919 zu Halle (Saale) das Licht der Welt. Er verließ im Frühjahr 1938 die Schule als Primaner und trat beim Rittergutsbesitzer Fahlbusch auf Derenburg bei Halberstadt in die landwirtschaftliche Lehre. Nach Ableistung der Arbeitsdienstpflicht wird er im Herbst 1940 beim Kraftradschützen-Bataillon Nr. 1 in Langensalza eintreten, um seiner militärischen Dienstpflicht zu genügen. Dann soll er sich weiter praktisch und theoretisch in der Landwirtschaft ausbilden, um später Queis in Bewirtschaftung nehmen zu können.










Dietrich (III.) Semper talis endlich wurde seinen Eltern am 24. Juni 1924 zu Sagisdorf beschert. Er erhielt den Taufnamen Semper talis (Immer derselbe) nach dem Wahlspruch des 1. Garde-Regiments zu Fuß, da er in der gleichen Stunde geboren wurde, in der das Gefallenendenkmal dieses Regiments — seines Vaters — an der Potsdamer Garnisionskirche eingeweiht wurde. Auch er wird sich dermaleinst gleich seinen Brüdern der Landwirtschaft widmen, um einmal Sagisdorf übernehmen zu können.



  

Anmerkung:
Die Werder´sche Chronik, aufgeschrieben von Vetter Wolfgang von Werder, endet mit den letzten Aufzeichnungen im Sommer 1939 hier. Wie wir wissen, folgte kurze Zeit darauf die plötzliche Mobilmachung zum 2. Weltkrieg. Ilse von Werder, geb. von Diringshofen blieb mit ihren beiden jüngsten Kindern zunächst auf dem Gutshof Sagisdorf und führte die Betriebe weiter. Ehemann Hans Klaus von Werder wurde mit den beiden älteren Söhnen zum Kriegsdienst von der Wehrmacht eingezogen. Der Jüngere von beiden — Hans Christoph — fiel am 22.10.1944 an der Ostfront. Der Vater wurde aus dem ehemaligen Oberleutnant (1. Weltkrieg) bis 1945 der Major von Werder. Er geriet noch kurz vor Beendigung des Krieges in amerikanische Gefangenschaft auf italienischem Boden und hat als Lager-Gefangenenkommandant, da er dem höchsten Dienstgrad im Lager als Major hatte, das Schicksal seiner Kamaraden zu erleichtern vermocht.

Im Jahre 1963 wurde Hans Klaus von Werder 1. Bundesvorsitzender des Semper-talis-Bundes. Dieser Bund stand für alle ehemaligen Angehörigen des alten Ersten-Garde-Regiments zu Fuß. Hier war Hans Klaus von Werder, wie auch schon früher in leitenden verschiedenen landwirtschaftlichen Verbänden und Ämtern aus seiner Gutsbesitzerzeit vor dem Krieg, emsig und mit Freude angagiert. 

Aus diesem alten Regiment  gingen später verschiedene Truppenteile, wie auch das Wachbataillon des Bundesministers der Verteidigung, hervor. Dieses Wachbataillion hielt auch später bei seiner Trauerfeier die Totenwache.


Hans Klaus starb am 9. Mai 1972 in den Armen seiner geliebten Frau Ilse.


Bei der Trauerfeier hielt u.a.sein Sohn Klaus Friedrich von Werder nachfolgende Rede:

"Hans Klaus v. Werder-Sagisdorf

Am 9. Mai 1972 starb im 80. Lebensjahr Hans Klaus von Werder-Sagisdorf in Gürzenich bei Düren, Rheinland. Er starb fern seiner — wie er immer betonte — ihm geraubten Güter Sagisdorf, Storckwitz und Queis in der früheren Provinz Sachsen. Wie er dieses Schicksal überwand, nötigte allen, die ihm begegneten, immer wieder besondere Achtung ab. Wenn es auch immer wieder Anfechtungen in dieser Haltung gab, so war Ulrich von Huttens Wahlspruch doch auch seine Maxime: ,Ich träume nicht von alter Zeiten Glück, ich spreche deutsch und meist're mein Geschick.' Seine persönliche Ausstrahlung trug ihm immer wieder den Ruf eines der letzten Grandseigneurs ein.

Hans Klaus von Werder wurde am 30. August 1892 als Sohn des damaligen preußischen Regierungsrates und späteren Regierungspräsidenten von Ostpreußen und seiner Ehefrau Anna geb. von Frantzius auf dem Rittergut Sagisdorf vor den Toren von Halle an der Saale geboren. Sagisdorf war mit einer nur kurzen Unterbrechung 400 Jahre im Besitz der Werders und der Rauchhaupts, die in mehreren Generationen miteinander verschwägert waren. Werders Ausbildung, aber auch die Tradition und geistige Haltung seines Elternhauses, entwickelten eine Persönlichkeit, für die Treue, Pflichterfüllung und Dienst am Gemeinwohl keine leeren Begriffe waren. Das Stadtgymnasium in Halle, das Gymnasium in Königsberg, die weithin bekannte Klosterschule Roßleben, das Fähnrichsexamen in Potsdam und der Eintritt in das dortige 1. Garde-Regiment zu Fuß, wo er 1912 Leutnant wurde, waren die ersten Stationen auf diesem Wege.

Der alten Zeiten Glück' ging nur wenige Jahre danach zu Ende: Der erste Weltkrieg forderte bereits nach kurzer Zeit von dem jungen Offizier alles theoretisch gelernte in einer bitteren Praxis zu beweisen. Schon damals zeigte sich seine Begabung, Menschen zu führen. Sein tapferer Einsatz mit der 3. Kompanie an der Loretto-Höhe brachte ihm mit der Auszeichnung des ,Hohenzollernschen Hausordens mit Schwertern' höchste Anerkennung, aber was für ihn fast schwerer wog, die Hochachtung aller seiner Leute und Kameraden ein. Eine leichte Verwundung kurierte er beim Tross aus, um beim Regiment bleiben zu können. Aber 2 Jahre später ließ ein schwerer Kopfschuss es doch geraten erscheinen, ihn, den einzigsten Sohn seiner Familie, als persönlichen Adjutanten des Prinzen Eitel Friedrich v. Preußen, dem damaligen Divisionskommandeur, zu verwenden. Als Oberleutnant der Reserve nahm er 1919 seinen Abschied vom aktiven Dienst, um dann später im 2. Weltkriege als Major und Korpsnachschubführer noch einmal alle Härten eines Einsatzes in Rußland mit nochmaliger Verwundung beim Ausbruch aus dem Kessel von Tscherkowo und die bittersten Monate in amerikanischer Gefangenschaft auf italienischem Boden durchzustehen. Was solche seelischen und körperlichen Strapazen für einen doch immerhin schon über 50-jährigen bedeuten, davon vermag sich die heutige junge Generation kaum eine Vorstellung zu machen.

Dass Werder aber nicht nur soldatische Tugenden besaß, bewies er in den 2 Jahrzehnten nach Ende des I. Weltkrieges. Die weitgehendst verpachteten 70 Hektar von Sagisdorf wurden nach und nach wieder in eigene Bewirtschaftung genommen und ein Spezialbetrieb für Edelobst und Frühgemüse entwickelt, aus dessen Erfahrungen zahlreiche Besucher und Fachleute lernten. Als bei Ausbruch des 2. Weltkrieges fast 1 Hektar unter Glas waren und Lastzüge das Gemüse zum Großmarkt Leipzig und darüber hinaus brachten, konnte er manchem Besucher voller Stolz und schmunzelnd die Fotos zeigen, die ihn Anfang der 20er Jahre mit einem Eselwagen von Laden zu Laden in Halle fahrend darstellten. Die Erbschaft 1928 aus dem verwaisten Fideikommiß der Rauchhaupts, mit Storckwitz und Queis, machten ihn und seine Familie vom Gemüsebauern zum größeren Landwirt. Aber auch organisatorische Aufgaben im Reichsnährstand und in der Energieversorgung der Provinz Sachsen wurden ihm übertragen, bis er erkannte, dass ihn all dies von der Führung seiner Betriebe zu sehr ablenkte und ihren Bestand gefährdete. Sein Interesse hatte sich auch der Familiengeschichte zugewendet. Er hatte erkannt, dass der Ruf der Herrscher zum Dienst in den Armeen seinen Vorfahren zwar hohe Ehren und viele anerkennende Worte eingebracht hatten, die materielle Grundlage, der Besitz an Land, in wenigen Generationen aber auf ein Minimum zusammengeschmolzen war. Dieses Odium wollte er aber seinen Nachkommen gegenüber nicht auf sich laden. Umso härter musste ihn nach diesen im Laufe der Jahre gewonnenen Erkenntnissen die politische Entwicklung treffen, die nun wieder zwang, den Acker zu verlassen und abermals Soldat zu sein. ,Nicht fliegen sollt ihr lernen sondern pflügen!' hatte er seinen Söhnen gesagt, die entsprechende Wünsche geäußert hatten. Ihm aber tat er das, was ihm auferlegt war, auch pflichtbewusst und ganz.

Als er im Juli 1944 erneut ein Kommando in Italien erhielt, ahnte er nicht, dass er mit diesem Abschied sein Eigentum nicht Wiedersehen sollte. Am 1. Sept. 45 kam in Mitteldeutschland das, von den Russen diktierte Bodenreformgesetz heraus: Jeder Landwirt, der mehr als 400 Morgen Land besaß, wurde restlos und entschädigungslos enteignet. Frau und Söhne mussten heimlich den Besitz verlassen, um einer Verhaftung zu entgehen und flohen in den Westen. Hans Klaus v. Werder kam erst Juli 1946 von Italien aus amerikanischer Gefangenschaft zurück nach West-Deutschland. Der Landwirt konnte als Flüchtling Landwirt auf fremdem Besitz noch 5 Jahre bleiben. Dann wechselte er mit fast 60 Jahren abermals seinen Beruf und fing wie 30 Jahre zuvor wieder einmal von vorne an. In der Stadt von Laden zu Laden ziehend, nun begleitet von seiner treuen Frau. Er hatte sie in den Kriegsjahren schon als die ,Prinzipalin' bezeichnet als sie, wie so viele Frauen an die Stelle ihrer Männer tretend, umsichtigend planend und dirigierend die Oberleitung über die Güter übernommen hatte. Jetzt war es ihr fraulicher Geschmack, mit dem sie ihn in einer neuen und ihr näher liegenden Branche beriet: Textil--Vertretung.

Aber der Drang nach dem Boden unter den Füßen dem Eigentum, für das es sich lohnt zu arbeiten, wurde übermächtig, bis es ihm, als dem Flüchtling minderen Rechtes — wie sich die Flüchtlinge aus Mitteldeutschland gegenüber den Ostvertriebenen heute immer noch bezeichnen müssen —- gelang, unter größter persönlicher Anstrengung Grundstück und Haus zu erwerben. Hier haben dann beide zusammen neben ihren Überlandfahrten wieder mit hartem körperlichem Einsatz gearbeitet, um im Nebenerwerb ihr Einkommen zu verbessern, aber auch der Familie eine Heimstatt und ein Zentrum zu geben. Und wieder hat er nicht nur an sich gedacht. Dem Familienverband diente er als Schriftführer und dann als Senior und Schriftführer, um ihren Zusammenhalt zu fördern und die winzigen verbliebenen Reste bei der letzten dieser Zusammenkünfte 1971 in Bad Homburg schon nicht mehr dabei sein konnte, berührte ihn besonders schmerzlich. Immer wieder war er mit seinen Gedanken bei den dort Versammelten.

Über der großen Familie vergaß er seine engere Familie nicht. Mit welcher Freude, mit welchem Einfühlungsvermögen und mit welcher Anteilnahme führte er seine Kinder ins Leben und bildete sie zu tüchtigen Menschen heran. Der Heldentod seines 2. Sohnes musste für die Eltern deshalb ein besonders schwerer Schock sein. Mit welcher Freude sah er seine Enkel heranwachsen und ihren Weg ins Leben nehmen. Wie fröhlich begrüßte er sie in Gürzenich und wie gern kamen sie aus allen Richtungen zur Oma und zum Opa. Das galt für die Kinder wie für die Schwiegerkinder und Enkelkinder.

Vom ,Vati' redeten nicht nur seine Kinder, er war es auch bei seinen Arbeitern und ihren Frauen und sie werden noch weiter so von ihm reden, wie die Enkel vom Opa, und der Leutnant von Werder noch immer unter den alten Gardisten lebt.

Der Werder'schen Familiengeschichte hat Hans Klaus von Werder bereits dem Biographen der 30er Jahre ein gutes Kapitel geliefert. Er wird dem nächsten Familienhistoriker eine Fülle weiteren Stoffes bieten, als ein Vorbild, dem spätere Generationen getrost nacheifern können."

Gutshaus

Storckwitz bei Halle

Gutshaus

Queis bei Halle

GutshausSagisdorf

in Reideburg/Halle

des Wilhelm Hans Klaus von Werder

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oben: Nachruf des SEMPER TALIS Bundes

links: Werdegang in der Wehrmacht

oben: Trueranzeige Hans Klaus von Werder

rechts: Traueranzeige Ilse von Werder, geb. von Diringshofen