Stoltefamilie/Familie Mueller-West
Stoltefamilie

Gen.20.4a Das Leben auf dem Adl. Gut Genslack bei Wehlau am

Fluß Pregel in Ostpreußen.

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Gen.20.4 Zurück zur

Familie Mueller-West

Gen.20.1 Oskar Friedrich

  

Es erschloss sich uns, mir und  meinen 2 Schwestern, unser Kindheitsparadies Genstack. Das Glück begann in den Himbeersträuchern. Ich sehe den vornehmen dunklen Herrn deutlich vor mir, wie er mit seinen langen schmalen Fingern die großen Himbeeren pflückte und uns zureichte. Das hatten wir noch nie erlebt. Die Tragik, die dahinter stand, ahnten wir freilich nicht. Jener Herr war der Besitzer von dem adligen Rittergut Genslack. Dieses Gut lag zwischen Groß Lindenau und Tapiau. Herr von Maroes hatte eine sehr reiche Frau geheiratet, eine geborene Moneta. Daraufhin hatte er sein Gut neu gestaltet und wundervolle Ställe gebaut. 

Beim ersten Kindbett lag die Frau im Sterben. Meine Mutter hatte uns in ihrer anschaulichen Art erzählt, dass wir Kinder es nie vergessen haben - Ärzte und Rechtsanwälte saßen am Wochenbett der jungen Mutter und an der Mega des schwächlichen Kindes. Wird die Mutter noch zum Bewusstsein kommen, um ihren letzten Willen kund zu tun und ihrem Mann ihr Vermögen zu vermachen oder wird das Kind wenigstens um Sekunden die Mutter überleben, damit das Kind die Mutter und der Vater sein Kind beerben konnte. Dann war Herr von Maroes gerettet. Keines von beidem geschah. Das Kind starb vor der Mutter und die junge Frau kam nicht mehr dazu, ihren Willen kundzutun.

Herr von Maroes blieb zurück ohne Frau, ohne Kind, ohne Geld. Die Schuldenlast war riesengroß. An jenem Himbeertag hatten uns die Eltern wohl mit aufs Land genommen, als mein Vater helfen wollte, die Lage zu ordnen. Später hörte ich, Herr von Maroes sei noch bei meinem Vater im Comptoir gewesen, eine Stunde darauf hatte er sich erschossen. Ich war damals noch nicht 10 Jahre und dies Schicksal hat mich so erschüttert, dass es bis heute in meiner Seele miterlebt. Leider habe ich daraus nicht gelernt, bei meinen eigenen Kindern eine gleiche tiefe und seelische Empfindsamkeit in diesem Alter vorauszusetzen. Manchen Schmerz, manches spätere Missverstehen, hätte ich ihnen und mir erspart.

Genslack, das Gut wurde verkauft, an einen einfachen Gutsbesitzer, Herrn Müller, die Ziegelei wurde unter der Hand meines Vaters zu einem Aktienuntemehmen, in das er sein erspartes Vermögen, etwa 100,000 M. hineinsteckte. Er hatte in Königsberg die Entwicklung der Stadt nach den Hufen vorausgesehen, hatte dort Terrain kaufen wollen, wurde aber nicht herangelassen und suchte nun diesen Weg zur Entfal-

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groß, wenn auch auch schmutzig. Er ließ sich eine Waschwanne geben und rief die Mama, sie mochte zusehen kommen. Voll angezogen setzte er sich hinein, ließ sich einen Stoß geben, ruderte noch zum Schein und plumpste dann selbstverständlich mit der Wanne um. Ein Schrei meiner Mutter. Aber gewandt tauchte er auf und schwamm flott mit den Kleidern an das ziemlich weit entfernte gegenseitige Ufer. Triefend kam er zu der Zuschauermenge und sagte „So Mama, nun hast du gesehen, dass ich schwimmen kannf“

Neben Reiten, Schwimmen, Flitzbogenschießen, Croquet undTennisspielen brachten wir Mädels es auch zu großer Gewandtheit im Klettern. im Park, der sich ans Haus anschloss, waren zwei lange Laubengänge aus Buchen. In diesen Buchen kletterten wir den ganzen Gang entlang und an besonders schönen Stellen hatten wir unsere Wohnung. Stundenlang konnten wir oben in den Buchenästen sitzen und Buchenblätter fein ausritzen oder lesen meist überhöht durch das Geheimnisspiels das allem und jedem Tun eben seinen besonderen Reiz gab. Im Ausritzen der Buchenbiätter waren wir auch sehr geschickt; wie wir überhaupt, da wir alles mit Eifer, Liebe und Ausdauer betrieben es auch in allem zu einer gewissen Meisterschaft brachten. Vor kurzem noch kam mir solch ein Blatt in die Hand, aufgeklebt auf ein Stück Papier, auf dem Worte standen, die mir nur bruchstückweise noch im Ohr nachklingen. Vieleicht besinnt sich Elisabeth noch auf das Fehlende!

„den Ekkehard‚

den ich mit Feuer und Begeisterung las.

Und träumend hielt ich dieses Blatt in Händen.

Fort trug der Wind die schnell gesprochenden Worte.

Da fiei mir ein, dass ich zum letzten Mal

ais Kind mit dir auf diesem Baum gesessen.“

Die Laubengänge tiefen am Ende in richtige viereckige Lauben aus mit 3 Bänken ringsum. Die schönste von den beiden war unsere ‚Theaterlaube‘. Neben körperlichen Sport, vergaßen wir auch den geistigen nicht. Er war uns kein Zwang, er war uns selbstverständlich und gehörte zum Leben wie Spielen, Klettern und Reiten. Der Marcenas  dieser

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übte so lange, bis ich es zur gleichen Virtuosität gebracht hatte und damit wieder ein unliebsamer Partner wurde. Manch ein Streit entspann sich dabei freilich auch. Aus jener Zeit stammt das berühmte Wort von Onkel Paul, das meine Mutter noch im späten Alter zitierte: „Es ist doch ganz gleich, ob die Kugel durch's Tor geht oder daneben.“ Heute habe ich Onkel Paul weit überholt in der Auffassung, was wichtig und unwesentlich ist, aber gerade die Unbedingtheit und unser Eifer gaben damals dem Spiel seinen Reiz und mochte ich hinzufügen, dem Leben überhaupt.

 Wohl eine halbe Stunde vom Gutshaus lag malerisch die Mühle und der umwaldete Mühlenteich. Der Teich selbst lag tief, zu beiden Seiten erhoben sich schmale Waldungen, offenbar künstlich angelegt, wie ihr Name „die Anlagen“ besagte. In diesen Anlagen führte am Ufer des Teiches ein schmaler Pfad entlang. Hin ging man auf der Chaussee, wohin der Waldpfad führte, ist mir vollkommen entfallen. An einer schönen Stelle war ein Badeplatz gemacht worden. Dort haben wir mit unseren Gästen schöne Stunden verlebt und auch auf Strohbündeln die ersten Schwimmversuche gemacht. Einmal bin ich auch mit den Brüdern auf dem schmalen, schlüpfrigen Pfad am Ufer des Teiches entlang geritten. Das war streng verboten, weil ein Pferd das Bein brechen und wir stürzen konnten. Die atemlose Spannung und das Herzklopfen, die Waldesstille und die ganze Atmosphäre des verbotenen ist in mir wach, als wäre es gestern gewesen. Einen Strauchbesen führten wir mit, um alle Spuren der Pferde, die sich um unser schlechtes Gewissen nicht kümmerten, gleich zu vernichten. An der Badestelle musste ich die 4 Pferde halten, weil meine Brüder baden wollten. Als Menschenstimmen zu hören waren, bekam ich den Befehl, mit den Pferden den Abhang hinauf zu steigen bis zum Ackerrand. Das war gar nicht ganz einfach, denn der Abhang war recht hoch und steil und der Raum zwischen den Bäumen für 4 Pferde sehr schmal, aber es gelang. lch war damals wohl 12 Jahre und sehr stolz, das ich zu solchen Diensten gerufen wurde. Dafür verschwiegen meine Brüder auch Unfälle, die ich bei tollkühnen Ritten hatte. Es ging ja gottlob immer glücklich aus. Meine Mutter war sehr ängstlich und hatte mir sicher das Reiten verboten, wenn sie alles gewusst hatte. Auch das Baden machte ihr schon große Sorgen. Da kam mein Bruder Walter, der edelste und unerschrockenster von den vieren auf einen guten Gedanken, die Mama zu beruhigen. Vor unserem Haus war der Gutsteich, ziemlich

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 dieser geistigen recreation und später creation war Tante Marne, die gescheite Schwester meines Vaters. Ihre Freude an allen geistigen Äußerungen spornte uns an und Anfangs genannte gescheite Schwester meines Vaters. Ihre Freude an allen geistigen Äußerungen spornte uns an und forderte Ungeahntes zu Tage. Zuerst waren es Gedichte, die wir in der Theaterlaube vortrugen, solche, die wir kannten, dann lernten wir zu dem Zweck und zwar, wenn ich heute zurückdenke, mit rasender Geschwindigkeit. Die illustrierten Bücher meiner Mutter boten die größte Anziehungskraft. ‘Album für Deutschlands Töchter‘ und der illustrierte Schiller. Mit 10-11 Jahren lernten wir „des Mädchens Klage“, „Der Knabe am Bach“ und auch die „Kindsmörder“.

Des Mädchens Kiage

Der Eichenwald brauset, die Woiken ziehn,

Das Magdlein sitzet an Ufers Grün;

Es bncht sich die Welle mit Macht, mit Macht,

Und sie seufzt hinaus in die finstre Nacht,

Das Auge vom Weinen getrübt.

Das Herz ist gestorben, die Welt ist leer‚

Und weiter gibt sie dem Wunsche nichts mehr.

"Du Heilige, rufe dein Kind zurück,

ich habe genossen das irdische Glück,

ich habe gelebt und geliebet."

Es rinnet der Tränen vergeblicher Laut,

die Kiage, sie wecket die Toten nicht auf,

Doch nenne, was tröstet und heilet die Brust

Nach der süßen Liebe verschwundener Lust,

ich, die Himmlische, will's nicht versagen.

 

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Lass  rinnen der Tränen vergeblichen Lauf.

Es wecke die Klage den Toten nicht auf!

Das süßeste Glück für die trauernde Brust.

Nach der schönen Liebe verschwundener Lust

Sind der Liebe Schmerzen und Kiagen.

Friedrich Schiller

Die gefiel  gerade meiner kleinsten Schwester besonders, an der Stelle: „Henker kannst Du keine Lilie knicken‘ erlaubte sich die  8-jährige  die Kritik: ‚Aber Tante, sie war doch keine Lilie."

Was der Laube aber ihren Namen gegeben hat, war ein kleines französisches Stückchen, "Après le bel', das gerade meiner Schwester Ottilie und mir auf den Leib geschrieben war. Zwei junge Mädchen sind am Abend der Hochzeit ihrer Schwester ins Bett geschickt und unterhalten sich über den Bräutigam „le cou de denton' und malen das Bild ihres Zukünftigen. Mein Herz lag ganz in der realen Welt, besonders haftete mein Herz an der schonen Richterrobe und im Eifer der Schilderung ging ich soweit, als Vorteil zu preisen „le canon qu'on tire a son enterrement“. Ottilie hatte dann entsetzt zu sagen:

“Moi je voudrais un poète, oui quelqun inquiete et qui dans debeaux vers ..“

„De vers de pourquoi?“

„Pour me parler d ‘amour et du ciel”

„Et de toi“

Sie trennten sich am Fluss mit den Worten:

“Rêve de manage”

„Et toi, rêve d'amour!”

Dies Stückchen übten wir in der Theaterlaube und brachten es zur vollen Beherrschung des Stoffes in dem Maße, dass die Zuhörer tatsächlich den Eindruck bekamen, nicht Erlern-

  

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Auf den oberen Klassen lasen wir alle drei englische und französische Bücher aus der Bibliothek ohne Mühe. Das erste deutsche Buch, das ich las, noch mit Fräulein Wermke, war Robinson Crusoe, der erste Roman Soll und Haben.

Wir hatten auch viel Logierbesuch in Genslack, besonders in den ersten Jahren. Auch dadurch hatten wir viel Anregung. Tante Antonie machte uns mit der Welt Christi bekannt, Tante Marie spielte mit uns Bezique, lehrte Patience legen und brachte mir ein Kartenkunststück bei, bei dem ich noch lange nach ihrem Tode in Gesellschalten Aufsehen erregte. Es hat nie einer das Rätsel gelöst. ich werde es im Laufe der Erzählung meines Lebens hier preisgeben. Die Frauenfrage und die Gattenfrage wurde uns durch sie nahe gebracht und diese Unterhaltungen fanden ihren Niederschlag in einem kleinen Stückchen von Elisabeth: “Wer ist der Rechte?‘ Eine Aufführung hat dies Stückchen nicht erlebt, wohl aber ein anderes von der 11jährigen. Die geladenen Gäste kommen und werden begrüßt, aber ungeduldig wartet man auf's Essen. Da kommt die Nachricht, dass die Katze die gebratenen Täubchen gefressen hat‘.  Mir ist nur noch der Vers in Erinnerung: ‚Nehmen Sie gefälligst Platz.“ (leise) „Kommt bald das Essen lieber Schatz?" Und der Schluss wo man beschließt, ohne Fleisch bei Kuchen und Obst vergnügt zu sein „wie es ist in der Thalysia Mode nach Dr. Lahmanns Heilmethode.‘ Auch hier bedeutet, wie die Unterhaltung der Großen nachwirkte. Tante Gretchen erzählte uns den lnhalt der Wagnerschen Dramen, jeden Abend, wenn wir noch einen Spaziergang machten, mit Fortsetzung.


Titurei, Gurnemanz, Parsivai, Lohengrin, das wurden uns iiebe wohibekannte Gestalten. Ais Tante Gretchen das zweite Mai kam, brachte sie Gredel mit, die Gesangslehrerin in Beriin war und bei derTante wohnte. Sie war die Tochter des ältesten Bruders meines Vaters, Onkei Juiius, dem Gründer der Leipziger Feuerversicherungsanstalt, damals 34 Jahre ait. Sie war sehr hübsch, mit glattem dunklem Scheitel und mit tiefer Altstimme. Sie sang mit uns und für uns und mit manchem Lied klingt in mir jene Zeit wieder. Es ist wohi das einzige Mai in meinem Leben,dass mir Musik innerlich nahe gebracht wurde. Sie war eben eine Künstlerin, sie hielt uns selbst an produktiv zu sein und – ich liebte sie. ich liebte sie mit der ganzen schwärmerischen Kraft meiner 18 jährigen Mädchenseele, ich dachte Tag und Nacht nur noch an sie.

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tes sondern selbst erlebtes Eigenes zu hören.

Die Sprache und das Auswendiglernen machte uns ja nicht die geringsten Schwierigkeiten, denn inzwischen war Mademoisetle François zu uns gekommen und Französisch war die Sprache des tägiichen Lebens.

Als “Sellchen” ankam, bekamen wir allerdings zuerst einen großen Schreck. Sie hatte bei ihrer Anmeldung „Frevelwalde“ statt „Pregelwalde“ ais Poststation angegeben. Der Brief erreichte uns daher erst lange nach ihrer Ankunft. So war kein Wagen am Bahnhof Lindemann gewesen und sie hatte nach der langen Fahrt von Brüssel noch dazu bei Wind und Regen auf ostpreußischen Landwegen den Weg von 0,7 km zu Fuß machen müssen. Ich sehe sie noch deutlich vor mir und staunte das kleine fremdländische Fräulein mit den dichten nassen Haaren und Kleidern genauso an wie meine Mutter, die mit einem Mal  fließend französisch mit Mademoiselle François sprach.

Sie passte glänzend in unser Haus. Sie war Lehrerin, keine „Bonne“, sehr gescheit, taktvoll und sehr geordnet. Nach wenigen Tagen war sie heimisch bei uns. Wir Mädels hatten die Gewohnheit, uns abends noch lange zu unterhalten und konnten dabei kein Ende finden. Da erschien plötzlich Sellchen bei uns im Kinderzimmer mit aufgelösten dichten Haaren, das bis auf die Erde reichte. Wie staunten wir sie an! So etwas kannten wir nur vom Märchen her? Sie hatte sich ganz hinein hüllen können.

Englisch hatten wir schon vorher mit Tante Marie betrieben und Little Women, Good wives, Little Men82 und einige Bücher mit 12/ 13 Jahren mit ihr schon gelesen; wohl verstanden gelesen, nicht übersetzt. Dadurch hatten wir auch für das Englisch das Sprachgefühl bekommen, das noch so solider Unterricht der alten Methode nie allein geben kann. Wohlverstanden, die solide Grundlage hatte Fräulein Wermke gegeben und dann die Schule! Unsere Mitschülerinnen, lrmgard, Lolli und Minna Simon, die diese solide Grundlage nicht bekommen und immer ‚bonnen" gehabt hatten, kamen über ein gewisses Niveau nie hinaus und ihre Arbeiten wimmelten von Fehlern. Es waren die Töchter der durch die „Adultera' von Fontane berühmt gewordenen Frau Simon geschiedene Ravenay.

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Ich glaubte nicht mehr ieben zu können, ais sie abfuhr. Das Wunder geschah! Sogar die Schuie wurde mir gleichgültig und vom 2ten Piatz, den ich mir schnell erobert hatte, kam ich auf den 4ten.

Wenn ich ein Vöglein war, Schlafe mein Prinzchen es ruhen, An Aiexis send ich Dich, mit diesen KiÄngen kommt eine Weite wonnesamer Empfindungen herauf.

Am schönsten war das Lied:

Sag wo sind die Biumen hin

ach die Biumen sind verblüht.

Sag wo ist das Mädchen hin?

Sag wo ist der Sänger hin?

Auch der Sänger ist verbiüht.

5 Jahre nach dem Besuch bei uns heiratete sie Jose Viana da Motta und 1 Jahr darauf war sie tot. Auch der Sänger ist verblüht.

Onke! Hugo, Gymnasialdirektor in Stettin und Konservator von Pommern, war auch einer unserer Gäste mit Frau, einer Tochter und dem jüngsten Sohn Barnim. Er war uns sehr interessant. Er zog sich aus der großen Geseiischaft aber gern zurück und saß stundenlang in dem Pavilion hinten im Park und studierte seine Pergamentbände. Er hat das Museum für Altertumskunde in Stettin begründet, und schon zu seinen Lebzeiten wurde seine Büste dort autgestellt. Jetzt sollen Museum und Büste auch ein Raub der Flammen geworden sein.

Aber bei allem Besuch, bei aller Betätigung und allen Anregungen, blieb doch immer Zeit zur Besinnung und Beschauliichkeit und die ganze Schönheit eines Sonnentages, das Summen der Bienen, einer Hummel, das leise Raschein der Bäume im Winde, die ganze sommerliche Atmosphäre habe nicht nirgendwo empfunden wie in Genslack. Kopf und Herz waren eben noch frei und imstande sich ganz dem Augenblick und der Stimmung hinzugeben. Manche Geräusche sind ganz untrennbar mit Gensiack ver-

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bunden. Wenn es plötzlich tüchtig gießt abends im Haibdunkei: dann durchfährt mich der Gedanke, ob dein Hut noch im Garten iiegt? Es passierte mir nämiich oft, dass ich im Laufe angeregter Spiele den Hut im Garten vergaß und ihn dann erst amanderen Tag ganz nass und steif getrocknet wieder holte. Das waren damals aber noch richtige Strohhüte, die gottlob auch solche Behandlung vertrugen.

Genslack war nicht zu vergleichen mit einem modernen Seebad, in das man Kinder hinführt für ein paar Wochen als Gäste. Wir waren nicht Geste, wir kamen nach Hause, wir fanden alle unsere Sachen unberührt vor, wenn wir wiederkamen und alles war schön vom ersten Augenblick des Packens und das Reisefieber beim Besteigen des Dampfers unten am Pregel mit dem beliebten Mundvorrat kalte Bratwurst, kalter Kiopse, harten Eiern und Braten für die fange Fahrt von 3-4 Stunden auf dem sonnenbeglänztem Pregei bis zum Schiuss, wenn der Kutschwagen und der Ktapperwagen fürs Gepäck vor dem Hause hielten, um uns heim zu nehmen. Auch schiechtes Wetter konnte uns nichts anhaben.

Ach wie viel könnte ich noch erzählen!  Mit 13 Jahren bekam ich meinen Damensattel und Hermann einen kleinen Klapperwagen zu Weihnachten. Der Wagen ließ sich nicht auf den Weihnachtstisch steifen, darum lag auf seinem Platz ein Bogen auf dem ein Wagen aufgeklebt war, darunter die Verse:

Einen Wagen hast Du hier

Aber Sohn, das merke Dir

Sollte ich es je erleben

Dass sich tut ein Streit erheben

Zwischen Dir und den Geschwistern

Wenn sie nach dem Fahren lüstern

Dann wirst Du es bald erleben

Das wir ihn einem anderen geben

  

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Auch das "Dummkopfspief war sehr beliebt bei uns. Man sitzt im Kreis oder um den Tisch und jeder sagte der Reihe nach ein Wort: Hahn, Apfel, Gedicht usw. der Foigende wiederhoit das Wort respektive die Worte und fügt ein Neues hinzu. Wer einen Fehler macht oder nicht weiter kann, ist Dummkopf 1, dann 2, dann 3. Statt des neuen Wortes muss der nächste, der die Reihe anfragt, dann Dummkopf 1 oder 2- einfügen.

Wir machten es mit diesem Spiel, wie mit allem.schon beim Erwachen an.Fingen wir die Wortreihen zu sagen und abends vor dem Schlafengehen, so dass wir es auch darin zur Virtuosität brachten. Meine Kinder haben es uns nachher nachgemacht, und es war keinem geraten, da mitzumachen; ich habe auch da gesehen, was Übung macht. Wir betrieben eben alles mit Lustund Liebe und zielstrebigem Eifer und so gestatteten wir uns auch jeden Alltag zum Fest. ich besinne mich auch auf einen Abend, an dem Fragen aus der Geschichte gestellt wurden und weiß noch, wie es mir Eindruck machte, daß mein Vater so genau über Trafalgar 104 und Abukir Bescheid  wusste. Da passierte auch die kleine Geschichte. Ottilie wurde gefragt, wie der Präsident von Frankreich heiße. Sie wusste es nicht und meine Mutter flüsterte Elisabeth, die neben Ottilie saß, zu:„Реале“. Worauf Eiisabeth, die eben mit 11 Jahren in die Schule gekommen war sagte: “Aber ich kann doch nicht vorsagen, ich weiß es doch nicht."

Das war meine Kindheit, das war Genslack. Es ist als ob ein Heiligenschein über jener Zeit liegt.

Toutes ces choses sont passées

Comme i'ombre et comme ie vent.

Im Jahre 1896 war ich zum letzten Mai und mit der ganzen Familie in Genslack, 1897 war mein Vater schon schwerkrank im Roten Kreuz in Wiesbaden und ich mit ihm. 1898 fuhr ich nur hin, um alles aufzulösen, denn mein Vater hatte uns verfassen.

 

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Wilhelm Heinrich Stolte

  

Du bist Herr von dem Gefährt

Wie – hab ich dir nun erklärt

Du kannst fahren durch Wald und Feld

Aber immer sei bereit

Den mitzunehmen, den es freut


Ganz genau hab' ich es nicht mehr behalten und viel in Reimen auszudrücken war bei uns in der Familie alte Familientradition. Ich habe ein ganzes Buch mit schonen Gedichten und Rätseln, die mein Großvater meiner Mutter, als sie in Königsberg war, schickte oft an statt von Briefen. Mein Vater benutzte auch gern statt selbst einzukaufen, diese symbolische Handlung. So besinne ich mich auch auf den Vers:

ln dem gewünschten rechten Verhältnis mein Einverständnis. Bei dieser Liebe zum Reimen war auch das Gesellschaftsspiel einen Reim zu machen aus zwei Worten, die vom rechten und linken Nachbarn ins Ohr geflüstert wurden, sehr beliebt. ichbesinne mich auf einen schönen Familienabend in der schlichten Genzlacker Wohnstube, an dem noch mein Vater teilnahm. Auf seinen Vers besinne ich mich noch.

Wagner ist ein Componiste

Walters Flötenspiel ist triste.

Die Verse hagelten einer nach dem anderen und wir waren alle so lebhaft  hinterher, dass mein Vater sagte: ‚jetzt darf nur noch in Versen gesprochen werden.’ Da fiel auch der später oft zitierte Reim:

von aussen ist der George ganz schiicht

von innen aber doch ein Wicht.

und stiller wurde es trotzdem nicht.


  

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tung seiner kaufmännischen ldeen. ln Genslack war an das Gutshaus ein Anbau gemacht worden, den mieteten wir uns, statteten ihn als Landhaus aus. Es waren wohl 7 Zimmer in der l. ten Etage und eine große Küche und Mädchenzimmer und Nebengelass im Erdgeschoss.

Hier konnte meine Mutter ihr großes Organisationstalent entfalten. Schlichte Möbel, bewusst schlichtes Geschirr und einfache Einrichtung gaben dem Ganzen den leichten Charakter, der zur Sommerfrische gehört. Einige dieser schlichten Möbel leben noch heute - ich bin 40 Jahre verheiratet - in meiner Wohnung. So war es auch nur möglich, dass meine Mutter so viele Gäste bei sich sehen konnte. Vor dem Hause war ein großer Tisch unter einem Fliederbaum, dahinter für Regentage auch ein Zelt. Ein riesengroßer Park mit 2 langen Laubengängen schloss sich an das Gutshaus an, etwas abseits neben dem Inspektorhaus waren noch ein Riesenpark mit großen Abhängen und Schluchten geteilt in zwei Teile durch die Eisenbahn. Ein großer Pavilion gab Gelegenheit zum Ruhen und zum Beobachten der Züge. Wie manchen D-Zug haben wir dort vorbeirasen sehen, wie manchen Pfennig platt drücken lassen.

Dahinter kamen nach echter Wildnis die Pregelwiesen mit unsem Tennispiatz und dem still ausfliessenden Pregei mit seinen Dampfern, den litauischen Flossen und Kartoffelkähnen. Wie haben wir diese Wildnis durchstreift, bewaffnet mit Bogen und Pfeilen, Säbel, Gewehr und Riesenstangen.  Ich schoss damals so gut, daß ich Äpfel vom Baum schoss und mit den langen Stäben setzte ich die tiefen Abhänge hinunter, wohi 5-6 Meter dabei in der Luft schwebend. Im Herbst waren die Apfelbäume und die großen Strohhaufen die Hauptanziehungspunkte. Kein Baum war zu schwierig zuerklettern, kein Strohhaufen zu hoch zum Hinunterstürzen oder Springen. Oft übertraf ich meine Brüder. Unmittelbar am Haus war der Croquetplatz. Ein schönes Spiel. Ich habe es mit Leidenschaft gespielt und bis zur Virtuosität darin gebracht; das ging soweit, dass keiner mehr mit mir spielen wollte. Kam an mich die Reihe, dann nahm ich mir eine Kugel mit und holte mir von ihr immer wieder neue Schläge, dass den anderen Spielern nichts übrig blieb, als zuzusehen, bis ich durch das letzte Tor und an den Pfahl rannte. Es blieb mir daher nichts übrig, ais mit der linken Hand zu spielen. Leider stand ich dann aber um 5 Uhr auf und

  

Zu der Taufe eines keinen Jungen des Besitzers fuhr ich noch einmal hin, aber da schien mir alles öd und leer. ich schrieb in mein Tagebuch die Worte Gerocks:

Den ich zum Abschied plücke

mein letzter Strauss ist dies,‘

ich kehre nicht zurücke

in mein Kindheitsparadies.


Im Jahre 1904 bin ich noch einmai zu den Städten meiner Kindheit gekommen, ais ich mit meinem Verlobten  auf Jagd ging und meinen ersten Hasen schoss. Da hatte ein neues Leben sich mir aufgetan. Dazwischen liegen aber 5 traurig einsame und große reiche für meine Entwicklung bedeutende Jahre.

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Die Örtlichkeit, von der diese Erzählung handelt.

Der Gutsteich vor dem Haus,

Auch Hans-Henning (rechts), der Vater des Autors dieser Webseite zeigte seine Schwimm-u. Paddelkünste gerne in und auf diesem Teich (rechts). der im Sommer immer auch als Tiertränke genutz wurde.

Das alte Gutshaus mit dem Anbau (links), in dem die Familie Lembke wohnte.

ADL. GUT GENSLACK

Zeichnungen: Marie Bock, geb. Lembke

Frau Marie Bock geb. Lemke (1880 - 1964) hat ihre Jugend im Kreise ihrer Familie auf dem Gutshof Genslack gelebt (ca 1888 - 1896). Ihre Erzählung läßt uns am Leben dort teilhaben. Der Vater kaufte die ehemals zum Gutshof gehörende Ziegelei.

Charlotte Mueller-West (1889 - 1973), die Tochter des Gutsbesitzers Friedrich Mueller (1852 - 1905), lebte im Haupthaus des Gutshofes. Es ist anzunehmen, dass die Kinder zusammen alle Spiele in der Natur unternommen haben. Charlotte wurde später die Großmutter des Autors dieser Webseite.

Die Veröffentlichung dieser Erzählung ist von Jost Schaper 2009 für dieser Webseite genehmigt worden.

Die Örtlichkeit, von der diese Erzählung handelt.

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